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Dipl.-Ing. Manfred Beinhauer, Dipl.-Ing. Bruno Jerlitschka, Dipl.-Ing. Andreas Schmitz
Bessere Erreichbarkeit von Haltestellen im Straßenraum
Lösungen und Erfolgskontrolle am Beispiel der Umgestaltung einer Kasseler Haltestelle
Der Karl-Marx-Platz mit der Haltestelle Friedenskirche (1) liegt im Westen der Stadt Kassel innerhalb der gründerzeitlichen Stadterweiterung und ist als Geschäftszentrum in der Achse Bebelplatz - Karl-Marx-Platz ein von Fußgängern hochfreqentierter Bereich. Der Umbau des Platzes mit der Verlegung der Haltestelle aus einer peripheren Lage in der Friedrich-Ebert-Straße in die Mitte des Platzes durch die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) fand im Frühjahr 1996 statt. Die kontrovers diskutierte Anlage von Zebrastreifen und einer Kap-Haltestelle auf einer Hauptverkehrsstraße veranlaßte die Verkehrsbetriebe, nach Fertigstellung der Anlage eine Erfolgskontrolle in Auftrag zu geben.
Ziel dieser Erfolgskontrolle war es,
- Grundlagen für die Versachlichung der kontrovers geführten Diskussion über die Konsequenzen von Kap-Haltestellen auf den Verkehrsfluß auszuarbeiten,
- die Akzeptanz der Überquerbarkeit des Platzes ohne Fußgängerlichtsignalen zu ermitteln,
- die Übertragbarkeit des "Modells Karl-Marx-Platz" auf ähnlich gelagerte Fälle zu untersuchen.
Abbildungen 1-8: [zur Vergrößerung bitte anklicken]
Vor dem Umbau
Seit etwa Anfang der 80er Jahre wurden in den örtlichen politischen Gremien und in der Öffentlichkeit immer wieder Diskussionen über die Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes geführt. Ein wesentliches Problem war die schlechte Überquerbarkeit der Fahrbahnen für den Fußgängerverkehr. Neben der fehlenden gesicherten Querungsmöglichkeit auf der Friedrich-Ebert-Straße wurde immer wieder der "Durchschuß" in die Elfbuchenstraße genannt. Zudem hatten die überdimensionierten Einmündungsbereiche weite Wege für Fußgänger zur Folge.
Auch die Haltestellensituation war unbefriedigend. Fahrgäste mußten von der Fahrbahn in die Straßenbahn einsteigen bzw. aussteigen. Neben dem unkomfortablen und zeitaufwendigen Einstieg wurden besonders die Gefahren für die Straßenbahnfahrgäste betont, da Fahrzeuge trotz haltender Straßenbahn rechts vorbeifahren wollten.
Die Haltestellengestaltung war unattraktiv, die Ausstattung sehr spärlich. Wartende Fahrgäste mußten ohne Wetterschutz auskommen und standen häufig zwischen parkenden Autos. Der Karl-Marx-Platz glich eher einem Parkplatz als einem innerstädtischen Platz mit Aufenthaltsqualitäten.
Ziele des Umbaus der Haltestelle Friedenskirche
Die systematische Verbesserung der Erreichbarkeit von Haltestellen für die Fahrgäste und die Reduzierung der Haltestellenaufenthaltszeiten sollten eine der wichtigsten Aufgaben der Planung des Haltestellenumbaus sein. Daher erfolgte im Frühjahr 1996 der Umbau der Haltestelle Friedenskirche unter folgenden Zielsetzungen:
- Verlegung der Haltestelle auf den zentralen Platzbereich, um die optimale Erreichbarkeit für die Fahrgäste aus allen Richtungen zu gewährleisten,
- Verbesserung der Überquerbarkeit des Platzes für Fußgänger,
- Ausbau der Haltestelle auf Niederflurniveau,
- Verbesserung der Haltestellenausstattung.
- Reduzierung der Haltestellenaufenthaltszeiten durch direkten Ein- und Ausstieg
Hierbei war klar, daß die Verbesserung des gesamten Platzbereiches nicht Aufgabe der Verkehrsbetriebe sein kann. Der Umbau der Haltestelle fand im Frühjahr 1996 statt. Die ursprünglich in der Planung vorgesehene Schließung der Elfbuchenstraße als "Durchschuß" von der Friedrich-Ebert-Straße her war allerdings zu diesem Zeitpunkt politisch nicht mehr gewollt. Die Umbaumaßnahmen fanden unter einer regen öffentlichen Diskussion statt, wobei hier folgende zentrale Punkte für die KVG Anlaß waren, eine Erfolgskontrolle durch ein externes Ingenieurbüro durchführen zu lassen:
Zebrastreifen, abknickende Vorfahrt und Straßenbahn
Die Anlage der Fußgängerüberwege (Zebrastreifen) am Karl-Marx-Platz wurde in der Entwurfsplanung durchaus kontrovers diskutiert. Neben einer erhöhten Unfallgefährdung für Fußgänger wurden verkehrsrechtliche Bedenken in der Diskussion angeführt.
Dabei ist die Anlage von Fußgängerüberwegen auf Straßenbahngleisen ohne eigenen Bahnkörper nach der Verwaltungsvorschrift (VwV) zur Straßenverkehrsordnung durchaus möglich. Zwar sollen laut VwV Fußgängerüberwege im Zuge von Straßenbahnen ohne eigenen Bahnkörper nicht angelegt werden, generell untersagt wird dies aber nicht (2).
Bezüglich der Zebrastreifen heißt es an anderer Stelle: "An Kreuzungen und Einmündungen mit abknickender Vorfahrt darf ein Fußgängerüberweg auf der bevorrechtigten Straße nicht angelegt werden." (3).
Dieser Absatz kann allerdings nicht ohne die Regelungen des § 9 Abs. 3 StVO (Abbiegen) und zu Zeichen Z 306 StVO (Vorfahrtsstraße) gesehen werden. Nach § 9 Abs. 3 StVO muß abbiegender Fahrzeugverkehr auf Fußgänger besondere Rücksicht nehmen, wenn nötig, muß er warten. Dies gilt auch bei abknickender Vorfahrt. Hiernach sind Fußgänger an der abknickenden Vorfahrt am Karl-Marx-Platz sogar ohne Fußgängerüberweg bevorrechtigt.
Um dies zu unterbinden, sind nach der Verwaltungsvorschrift zu Z 306 und Z 307 (Vorfahrtstraße bzw. Ende) an Vorfahrtstraßen mit abknickender Vorfahrt Stangen- oder Kettengeländer anzubringen. Dies würde wiederum der Funktion als Haltestelle entgegenstehen. Mit dem Umbau wurde also eine rechtliche Grauzone betreten. Dieser Schritt erschien nach Prüfung der konkreten Situation vor Ort aber berechtigt.
Die Anlage von Kaphaltestellen auf einer Hauptverkehrsstraße in der Mitte eines Platzbereiches mit insgesamt 6 zu- bzw. abführenden Straßen, einer Straßenbahnstrecke mit einem 7,5-Minuten-Takt und 2 Bussen pro Stunde und Richtung sowie einem Zebrastreifen anstatt eines lichtsignalgesteuerten Knotenpunktes führte bei einigen zu der Befürchtung, es sei mit erheblichen Behinderungen des fließenden Kraftfahrzeugverkehrs zu rechnen.
Abbildung 9: Karl-Marx-Platz vor und nach der Haltestellenverlegung
Erfolgskontrolle
Ob die Zielsetzungen erfüllt wurden und inwieweit die Bedenken berechtigt waren, sollte eine Erfolgskontrolle klären. Diese wurde mit verschiedenen Untersuchungsmethoden wie Zählungen, Verhaltensbeobachtungen und einer Personenbefragung im Frühjahr 1997 durchgeführt.
Verkehrsgeschehen
Im Haltestellenbereich fahren auf der Friedrich-Ebert-Straße rund 7000 Fahrzeuge am Tag. Auf der Elfbuchenstraße sind es im gleichen Zeitraum etwa 2500. Damit hat die Verkehrsbelastung auf allen Zufahrtsstraßen zum Karl-Marx-Platz in den letzten 10 Jahren zum Teil deutlich abgenommen (rund 25 % in der nachmittäglichen Spitzenstunde).
Abbildung10: Vergleich der Querschnittsbelastungen 1987 und 1997
Das Geschwindigkeitsniveau (V85) im Haltestellenbereich und der Elfbuchenstraße liegt bei moderaten 35 km/h. Einige Fahrzeuge fahren jedoch auch tagsüber mit bis zu 80 km/h. Die Haltestelle wird von 8 Straßenbahnen und 2 Linienbussen pro Stunde und Richtung bedient. Fahrzeuge müssen während der Fahrgastwechsel warten. Zu nennenswerten verkehrsbehindernden Staus kommt es dadurch aber nicht, weil sich im Durchschnitt nur 2,5 stadteinwärts bzw. 1,3 Fahrzeuge stadtauswärts auf der Friedrich-Ebert-Straße stauen.
Fußgängersicherheit auf den Zebrastreifen
Die neu angelegten Zebrastreifen werden von Fußgängern angenommen. So überquerten 85,5 % der Fußgänger die Elfbuchenstraße direkt auf dem Zebrastreifen. In der Friedrich-Ebert-Straße waren es 78 %, bzw. 77 %. Hier werden die Zebrastreifen etwas weniger benutzt, weil manche Fahrgäste am anderen Ende der Haltestelle ein- und aussteigen und dort direkt über die Fahrbahn gehen.
Abbildung 11: Akzeptanz der Fußgängerüberwege
An den drei Fußgängerüberwegen im Bereich des Karl-Marx-Platzes wurden insgesamt 959 Situationen untersucht, in denen sich Fußgänger und Kraftfahrzeuge begegneten. Das wichtigste Ergebnis: An allen Überwegen wurden hauptsächlich sichere Begegnungen beobachtet.
Es gibt aber auch Situationen, in denen Fußgängern der Vorrang streitig gemacht wird. Das war am südlichen Zebrastreifen am häufigsten der Fall (rund 14 % aller Begegnungen). Am Fahrbahnrand wartende Fahrgäste können Autofahrern hier die Einsehbarkeit erschweren. In anderen Situationen gingen Fußgänger am Fahrbahnrand entlang und betraten unvermittelt den Überweg, so daß manches Fahrzeug trotzdem noch schnell den Zebrastreifen passierte.
Situationen, die Fußgängern gefährlich werden können, wurden am meisten beim Überqueren der Elfbuchenstraße beobachtet (rund 2,3 % aller Begegnungen). Dabei handelte es sich um Fälle, in denen Fahrzeuge sich mit unvermindert hoher Geschwindigkeit aus der Friedrich-Ebert-Straße näherten und stark vor den querenden Fußgängern abbremsten. Am Überweg Elfbuchenstraße ließ sich außerdem in einigen Fällen eine Verunsicherung der querungswilligen Fußgänger beobachten. Sie wurde durch Kfz hervorgerufen, die in der abknickenden Vorfahrt der Friedrich-Ebert-Straße keinen Blinker setzten. Fußgänger zögerten beim Betreten des Überwegs Elfbuchenstraße, da sie in diesen Fällen davon ausgehen müssen, daß die Fahrzeuge in die Elfbuchenstraße einfahren.
Fußgänger begegnen bei der Benutzung der Zebrastreifen aber nicht nur Kraftfahrzeugen. Auch Straßenbahnen passieren am Karl-Marx-Platz die Zebrastreifen. Straßenbahnen sind hier im Gegensatz zu anderen Fahrzeugen aber nicht wartepflichtig gegenüber Fußgängern. Das Untersuchungsergebnis: Alle Begegnungen verliefen sicher und den Verkehrsregeln entsprechend. Das heißt, alle Fußgänger ließen die ein- oder ausfahrenden Straßenbahnen passieren.
Passantenbefragung
Von insgesamt 218 befragten Personen kannten rund 85 % den Karl-Marx-Platz schon vor dem Umbau. Sie waren überwiegend der Meinung, daß sich die Situation sowohl als Fahrgast als auch als Fußgänger seitdem wesentlich verbessert hat. Der Haltestellenverlegung standen fast 80 % positiv gegenüber, nur 7 % werteten sie negativ. Ähnlich positiv wurde auch die heutige Haltestellengestaltung bewertet.
In den positiven Äußerungen wurde die neue Situation häufig als "schöner", "näher" und "sicherer" bezeichnet. Verbesserungsvorschläge betrafen vor allem den empfundenen Mangel an Begrünung, die Unübersichtlichkeit und die Dominanz des Kfz-Verkehrs auf dem Karl-Marx-Platz und auch auf den Straßen.
Auf den Fußgängerüberwegen fühlen sich fast 80 % der Befragten zumindest überwiegend sicher, rund 11 % dagegen überhaupt nicht. Hier wurden insbesondere die "mangelnde Übersichtlichkeit" aufgrund der aus verschiedenen Richtungen herannahenden Kraftfahrzeuge, "hohe Kfz-Geschwindigkeiten" und die "Mißachtung und Gefährdung" durch Fahrzeuge negativ empfunden.
Mit der allgemeinen Zufriedenheit steigt auch die Akzeptanz: Von den Personen, die den Karl-Marx-Platz schon vor dem Umbau kannten, gaben rund 20 % an, daß sie die Haltestelle heute öfter benutzen als früher. Bei 7 % der Befragten trifft dies auch für die umliegenden Geschäfte zu.
Zusammenfassung
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich die Situation für Fußgänger und Fahrgäste durch den Umbau und die Verlegung der Haltestelle deutlich verbessert hat. Der Vorrang von Fußgängern an den Zebrastreifen wird von den Kraftfahrern hoch bis sehr hoch beachtet. Mögliche Gefährdungen ergeben sich zumeist am Fußgängerüberweg Elfbuchenstraße. Insgesamt ist die gesamte Anlage aber als sehr sicher zu bezeichnen.
Auch die Rückstaus von Kraftfahrzeugen hinter haltenden Straßenbahnen oder Bussen sind gering. Neben den höheren Unterhaltskosten dürfte durch eine Vollsignalisierung des Knotenpunktes ein erheblich größerer Rückstau und eine geringere Akzeptanz durch die Verkehrsteilnehmer zu erwarten sein.
Der Karl-Marx-Platz war vor und ist nach dem Umbau stark durch Verkehr geprägt. Nach dem Umbau der Haltestelle dürfte dieser Bereich trotz der Dominanz verkehrlicher Elemente auch städtebaulich gewonnen haben. Rund ein Fünftel der Befragten gab an, die Haltestelle Friedenskirche heute öfter zu benutzen als vor dem Umbau. Bemerkenswert ist, daß durch die Verbesserung für Fußgänger auch die umliegenden Geschäfte davon profitieren.
Fußnoten:
(1) ehemals: Haltestelle Bodelschwinghstraße
(2) VwV zu § 26 StVO
(3) Vwv zu § 26 StVO, IV. Lage, Abs. 3
Literatur:
Planungsgruppe Nord - PGN; Erfolgskontrolle Haltestelle Friedenskirche. Untersuchung im Auftrag der KVG. Kassel 1997
Autoren:
Dipl.-Ing. Manfred Beinhauer ist Abteilungsleiter Infrastruktur bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft - KVG
Dipl.-Ing. Bruno Jerlitschka ist Planungsingenieur in der Abteilung Infrastruktur bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft - KVG
Dipl.-Ing. Andreas Schmitz ist Geschäftsführer bei der Planungsgruppe Nord - PGN
Veröffentlichung:
Dipl.-Ing. Manfred Beinhauer, Dipl.-Ing. Bruno Jerlitschka, Dipl.-Ing. Andreas Schmitz; Bessere Erreichbarkeit von Haltestellen im Straßenraum. In: Der Nahverkehr 7-8/98
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